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Nebenwirkungen von Medikamenten einschätzen

Berlin (dpa/tmn) - Keine Wirkung ohne Nebenwirkung, heißt es. Wer die Beipackzettel vieler Medikamente studiert, stellt fest, dass an dem Ausspruch durchaus etwas dran ist. Doch was heißt das für den Gebrauch der Arzneimittel und wie trifft man die Abwägung?

Expertinnen beantworten die wichtigsten Fragen rund um das Thema Nebenwirkungen - und geben Tipps, wie man sie etwas abmildern kann.

Keine Wirkung ohne Nebenwirkung - stimmt das?

Jein, sagt Corinna Schaefer. Sie leitet beim Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) die Abteilungen Evidenzbasierte Medizin und Leitlinien sowie Patienteninformation. «Jedes Mittel mit einer Wirkung kann eine haben, die muss aber nicht zwangsläufig auftreten. Das Potenzial ist immer da.»

So sieht es auch Ursula Sellerberg von der Bundesapothekerkammer und sagt: «Wenn etwas beworben wird als nebenwirkungsfrei, dann ist äußerste Skepsis angebracht.»

Welche Nebenwirkungen treten oft auf?

Grundsätzlich seien unspezifische Beschwerden wie Müdigkeit, Schwindel, Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden oder Kopfschmerzen häufiger als schwerwiegende Nebenwirkungen, so Sellerberg. Unter den Letztgenannten versteht man Nebenwirkungen, die lebensbedrohlich oder tödlich sind, zu Behinderungen führen oder Krankenhausaufenthalte oder andere medizinische Interventionen erfordern.

Was bedeuten die Angaben zur Häufigkeit auf dem Beipackzettel?

Zunächst ein Blick auf die Zahlen. Sehr häufig bedeutet, dass im Schnitt einer von zehn Patienten betroffen ist - also zehn Prozent. Häufig meint, dass zwischen ein und zehn von 100 Patienten betroffen sein können - also zwischen ein und zehn Prozent.

Gelegentliche Nebenwirkungen treten demnach bei ein bis zehn von 1000 Patienten auf - das sind zwischen 0,1 und 1 Prozent der Menschen, die das Medikament einnehmen. Von selten spricht man bei einer Quote von ein bis zehn unter 10.000 Patienten - in Prozenten: 0,01 bis 0,1.

Sehr selten sind sie, wenn sie höchstens bei ein von 10 000 Patienten auftreten, also höchstens in 0,01 Prozent aller Fälle.

Und was fängt man mit den Zahlen an?

Schaefer bezeichnet die Informationen zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen im Beipackzettel als «schwierig»: «Die Nebenwirkungen werden in einer Art und Weise kommuniziert, dass man Angst davor bekommt», kritisiert sie. So werde der Begriff «häufig» im Beipackzettel ganz anders verwendet, als im normalen Sprachgebrauch, erklärt Schaefer.

Was tun, wenn man Nebenwirkungen bemerkt?

Idealerweise bekommt man von der Ärztin oder dem Arzt mit der Verschreibung des Medikaments auch erklärt, welche Nebenwirkungen auftreten können. Im besten Fall gibt es zudem Hinweise, bei welchen Nebenwirkungen man sich zeitnah in der Praxis melden sollte und welche hingegen «okay» sind, sagt Schaefer.

Besonderes Augenmerk gilt Nebenwirkungen von Medikamenten, die ein schwarzes Dreieck im Beipackzettel haben: «Die Arzneimittel sind noch nicht lange auf dem Markt und werden noch genauer beobachtet», sagt Sellerberg. Über , die nicht im Beipackzettel stehen, sollte man unbedingt mit dem Arzt oder der Apothekerin sprechen.

Wichtig sei es, nicht eigenständig die Dosis zu reduzieren, nicht das Medikament ohne Rücksprache mit dem Arzt abzusetzen oder eigenmächtig ein Medikament gegen die Nebenwirkungen einnehmen, so Schaefer.

Wieso kommen Medikamente trotz ihrer Nebenwirkungen zum Einsatz?

Dahinter steckt die Abwägung von Nutzen und Risiko. Arzneimittel durchlaufen mehrstufige Prüfungen, bevor sie auf den Markt kommen. Bei Medikamenten, die bei schweren Krankheiten wie Krebs zum Einsatz kommen, werden auch schwerere Nebenwirkungen toleriert, als etwa bei einem Mittel gegen Kopfschmerzen, wie Schaefer erläutert.

«Für viele spielt die Risiko-Vermeidung eine größere Rolle als der Nutzen», meint Schaefer. «Patienten machen daher mitunter von einer eigentlich wirksamen Therapie keinen Gebrauch.»

Lassen sich Nebenwirkungen vermeiden?

Nicht immer. Aber manchmal lassen sie sich abmildern. Und bei einigen Arzneimitteln treten manche Nebenwirkungen nur zu Beginn der Therapie auf und verschwinden im Verlauf oft von selbst.

Eine Nebenwirkung von Cortisonhaltigen Asthmasprays kann ein Pilzbefall im Mund sein. «Vorbeugen kann man, indem man den Mund nach dem Inhalieren mit Wasser ausspült, die Zähne putzt oder etwas isst», rät Sellerberg. Ist ein unerwünschter Effekt des Medikaments, dass man müde wird, sollte man es wenn möglich abends einnehmen.

Vorsicht ist vor sogenannten Verordnungskaskaden angebracht. Das heißt, wenn man Nebenwirkungen eines Medikaments mit einem weiteren bekämpft. Am besten spricht man darüber mit der verordnenden Ärztin - womöglich gibt es ein anderes Präparat, das man besser verträgt. So erspart man sich die Einnahme mehrerer Medikamente.

© dpa-infocom, dpa:210420-99-274902/7


Text: dpa / Bild: Christin Klose (dpa) (21.04.2021)


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